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DIE OFFENE GESELLSCHAFT UND IHRE FALSCHEN FREUNDE
DIE ZUKUNFT DER DEMOKRATIE
Am 18. Februar 2001 fand in der Nationalbibliothek
in Wien die erste Veranstaltung des
Instituts für eine offene Gesellschaft statt. Lord
Dahrendorf, der die key-note hielt, und der österreichische
Schriftsteller und Publizist Robert
Menasse diskutierten über Gefährdungen der Demokratie;
Heide Schmidt moderierte.
Lesen Sie hier eine Mitschrift der gesprochenen
Worte in Auszügen.
Heide Schmidt: Ziel dieser Veranstaltung ist es,
potentielle Bruchstellen einer offenen Gesellschaft
anzusprechen, vorhandene zu erkennen und einen
Beitrag zu leisten, dass sie nicht weiter reißen, zu versuchen,
sie zu kitten.
Die Demokratie ist kein Selbstverständnis, sondern
sie lebt von der Beteiligung. Wenn das Interesse der
Bürgerinnen und Bürger an ihr nachlässt, so ist das
bereits ein Beginn des Absterbens.
Ich glaube, dass sich die repräsentative Demokratie
in einer Krise befindet. Wir wollen unter anderem
darüber diskutieren, ob das eine Fehleinschätzung ist
und, wenn nein, welche Wege es daraus gibt.
Lord Dahrendorf: Ich erinnere mich an ein Gespräch
mit Karl Popper, kurz nach seinem 75. Geburtstag.
Ich war bei ihm zu Hause und er zeigte mir
stolz die Glückwünsche, die er zu seinem 75. erhalten
hatte – vom deutschen Bundeskanzler Schmidt, vom
damaligen deutschen Oppositionsführer Kohl und
natürlich von Hans-Dietrich Genscher, vom österreichischen
Bundeskanzler Kreisky, und vom Oppositionsführer
Taus und von Herrn Peter, und er fand das
alles großartig. Ich hab dann zu ihm gesagt: ‘Beunruhigt
Dich das nicht, Karl, dass Du aus allen Himmelsrichtungen
der Politik solche Glückwünsche kriegst
und dadurch Dein Bild doch durchaus unklar wird?’
Und darauf hat er gesagt: ‘Nein, warum denn, jeder
weiß doch, wofür ich stehe.’
Sicher ist, dass Poppers „Offene Gesellschaft“ sich
gegen alles Totalitäre gewendet hat. Er hat ja selber
von seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre
Feinde“ gesagt, es sei sein Beitrag zum Kampf gegen
das Nazi-Regime gewesen, ein Beitrag, den er in der
Emigration im fernen Neuseeland geschrieben hat, und
der dann in der Tat in der Nachkriegsdiskussion eine
große Bedeutung haben sollte. Er war überzeugt, dass
Menschen sich nicht mit dem begnügen, was existiert,
sondern nicht müde werden, neue Wege zu erkunden.
Was aber, wenn Menschen aufhören, neue Wege
zu suchen, wenn Desinteresse und Apathie anstelle der
Initiative treten? Eine Abkehr vom politischen Gemeinwesen,
eine Abwendung von der Politik erlaubt
den Herrschenden ungestörtes Herrschen. Insoweit ist
das Nicht-mehr-Versuchen, die Nicht-Teilnahme Teil
einer Tendenz, die ich manchmal als einen neuen
Autoritarismus beschrieben habe.
Autoritäre Herrschaft ist nicht totalitäre. Totalitäre
Herrschaft heißt, dass die Herrschenden ihre Untertanen
ständig organisieren und mobilisieren. Aufmärsche,
organisierte Aufmärsche und alles, was
dazugehört, sind ein Teil der totalitären Realität.
Autoritär ist etwas ganz anderes. Die Herrschenden
sind ganz zufrieden, wenn niemand sich um sie
kümmert, sie lassen die Leute auch allein, solange sie
nicht Opposition betreiben, solange sie also nicht aktive
Kritik ausüben. Sie führen ihre Herrschaft fort
mit einem politisch apathischen Publikum und machen
doch all die Irrtümer, die Herrschende immer
machen, wenn sie nicht lebhafter Kritik und Auseinandersetzung
ausgesetzt sind.
Darum – und dies ist mein erster Punkt – darum
scheint mir die Ermunterung zur Teilnahme heute
selbst eine Grundforderung zur Erhaltung der Demokratie.
Staatsbürger, Bürger haben nicht nur Rechte,
sondern sie müssen auch zur aktiven Teilnahme am
Geschehen ermutigt und ermuntert werden. Die Vorstellung
des passiven Bürgers ist nicht vereinbar mit
dem Überleben einer lebendigen Demokratie und daher
ist alles, was getan wird und was getan werden
kann, um Menschen zu ermuntern, immer wieder Neues
zu versuchen, sich immer wieder in die öffentlichen
Dinge einzuschalten und einzumischen, eine Grundvoraussetzung
der Demokratie.
Das zweite aktuelle Thema betrifft ebenfalls eine
stillschweigende Annahme von Popper. Wenn Popper
von der ‘offenen Gesellschaft’ sprach und von der ‘offenen
Gesellschaft und ihren Institutionen’, meinte er
den Nationalstaat als Rahmen der Entscheidungen.
Wenn er über die Demokratie als Möglichkeit des
Wechsels ohne Gewalt sprach, war es die nationalstaatliche
Demokratie, die er im Sinn hatte. Was aber
geschieht, wenn Macht in zunehmendem Maße in
Räumen ausgeübt wird, für die wir keine Institutionen
haben, wie die der parlamentarischen oder repräsentativen
Demokratie im Nationalstaat. In Räumen,
in der Tat, für die es keinen ‘demos’ gibt, der die Demokratie
begründen kann, wie ist dann Wandel ohne
Gewaltausübung möglich, wer zieht die Mächtigen
dann zur Verantwortung?
Soweit ich es sehen kann, ist einstweilen kein rechtes
Zeichen dafür zu erkennen, dass Europa als organisiertes
Europa, als EU–Europa, den Grundsätzen
der offenen Gesellschaft entspricht. Es hat ja eine eigentümliche
Konstruktion, eine Konstruktion, bei der
der Ministerrat die eigentliche Legislative ist, woran
die Mitentscheidungsrechte des Parlaments einiges,
aber nicht sehr viel ändern. Gesetzgebende Entscheidungen
werden hinter verschlossenen Türen getroffen,
Versuch und Irrtum – dafür gibt es im europäischen
Bereich kaum sichtbare Ansätze. Wandel ohne
Gewaltausübung – nun, schwer kann man dafür Beispiele
finden. Einstweilen werden vielfach die Bürger
Europas mit schönen Worten über die erstrebenswerte
Zukunft und das, was eines Tages alles geschehen wird,
getröstet. Für mich ist es eine Quelle der Beunruhigung,
dass alles, was an Entscheidungen nach Europa transportiert
wird, demokratischer Kontrolle weitgehend entzogen
wird. Europa heißt weniger Demokratie.
Ich bin mit großem Zögern und beträchtlichem
Bedauern zu dem Schluss gekommen, dass in diesen
diffuseren Räumen die Prinzipien der offenen Gesellschaft
– Versuch und Irrtum, Wandel ohne Gewalt –
nicht eingelöst werden können durch die Institutionen
der parlamentarischen Demokratie. Es hat keinen
Sinn, von einem Weltparlament zu träumen, dass
mit Hilfe einer Weltregierung global agierende Unternehmen
zumindest an die Grundregeln erinnert, die
ein funktionierender Markt verlangt. Es sind also nicht
die alten, repräsentativen Institutionen – obwohl ich
nicht missverstanden werden möchte – nach meinem
Urteil bleiben nationalen demokratischen Institutionen
auf lange Sicht wichtige, oft entscheidende politische
Entscheidungen vorbehalten und daran wird sich
auch nicht viel ändern. Im ganzen Bereich der Sozialpolitik
gilt das und weitgehend auch in der Bildungspolitik
und in anderen direkt Menschen betreffenden
Bereichen.
Aber es bleibt ein Bereich der für uns wesentlichen
Entscheidungen, bei denen die alten Institutionen
nicht übertragbar sind und wir daher eine neue, institutionelle
Phantasie brauchen.
Gewaltsame Proteste anlässlich der Weltwirtschaftsgipfel
beweisen, dass offenkundig institutionelle
Möglichkeiten fehlen, um Kontrolle auszuüben und
dem Interesse der Bürger Ausdruck zu verschaffen.
Was kann man sich hier an Institutionen vorstellen?
Meine eigene Reflexion – und hier werde ich sehr zögernd,
und es kann durchaus sein, dass ich da ganz
falsch liege – führt mich dahin zu sagen, dass wir in
manchen dieser Bereiche so etwas brauchen wie wirksame
Gegenexperten, eine Art politische, im weitesten
Sinn Rechnungshof-Funktion. Eine Kontrolle durch
Personen, die wissen, worum es geht, die auch die oft
technischen Einzelheiten von Entscheidungsprozessen
verstehen, aber selber nicht in diese Entscheidungsprozesse
eingebunden sind. Dabei besteht immer die
Gefahr, dass diejenigen, die kontrollieren, entweder
zu nahe sind an denen, die sie kontrollieren, und daher
manchmal auch allzu leicht die Grenze zwischen
Kontrolle und Teilnahme überschreiten oder zu weit
weg sind, und daher nicht wirksam in der Lage sind,
solche Kontrolle auszuüben. Aber es fällt mir schwer,
irgendwelche anderen institutionellen Methoden zu
erfinden, die sich in den diffuseren Räumen bewähren
können – wie etwa der Rechnungshof in Europa
eine nützliche Rolle spielt.
Mir scheint also, dass man in dieser Richtung einmal
prüfen sollte, welche Art von Einrichtung sinnvolle
Kontrollaufgaben wahrnehmen könnte. Eine einfachere
Antwort ist natürlich, dass das Internet – um
die Formel zu verwenden – einen großen Vorteil mit
sich bringt: Information ist grundsätzlich verfügbar,
es ist viel schwieriger sie geheim zu halten, es ist also
grundsätzlich sehr viel leichter möglich heute, Informationen
zu sammeln und zu publizieren, die ja die
Entscheidungsträger betreffen, die sich den normalen,
den alten politischen Räumen entziehen. Und dann
gibt es glücklicherweise erste Ansätze für die Schaffung
von rechtlichen Einrichtungen, die weit über die
Grenzen der nationalen Politik hinausreichen – Beispiel
internationaler Strafgerichtshof – , leider vom
neuen amerikanischen Präsidenten gebremst. Das sollte
uns aber nicht davon abhalten, auch diesen Weg
weiter zu beschreiten, so dass also in einer Verbindung
von rechnungshofartigen Institutionen, Publizität
und rechtlichen Einrichtungen erste Ansätze der
Kontrolle von internationalen, von weltweiten Entscheidungen
geschaffen werden können. Das ist nicht
sehr viel, und ich muss hinzufügen, es gibt noch andere
Gefährdungen der Demokratie, von denen ich
nicht gesprochen habe, von denen wir aber vielleicht
in der Diskussion sprechen können.
Die wachsende Macht der Exekutive ist selbst ein
interessantes Problem, mit dem ich als Parlamentarier
der merkwürdigen Art – nämlich nicht gewählt,
sondern ernannt – viel zu tun habe, ebenso die antidemokratischen
Strömungen, insbesondere von rechts,
in vielen Ländern der Welt, vielen Ländern Europas.
Man kann manches weitere erwähnen, aber ich
wollte zwei Punkte hervorheben. Das alles verlangt
institutionelle Phantasie, es verlangt auch Handeln,
es verlangt überlegtes Handeln, und überlegtes
Handeln kann nur stattfinden, wenn wir wissen,
worum es geht und wenn wir uns mit programmatischen
Vorschlägen auseinandergesetzt haben. Die
Stiftung, die Heide Schmidt in die Wege geleitet
hat, und der ich für meinen Teil und in bescheidener
Weise gerne helfe, ist dafür geschaffen, solche
institutionelle Phantasie zu fördern und damit ein
Handeln für die offene Gesellschaft und ihre wahren
Freunde zu erleichtern.
Heide Schmidt: Ich möchte gleich am ersten,
mir ebenfalls außerordentlich wichtig scheinenden
Punkt anknüpfen: der Ermunterung zur aktiven
Teilnahme an der Demokratie.Von wem hat diese
Ermunterung auszugehen, wessen Aufgabe, wessen
Verantwortung wäre das, und welche Instrumentarien
stehen dafür zur Verfügung? Ich halte es einerseits
für die Aufgabe der Politik, diese Ermunterung
auszusprechen, andererseits für die Aufgabe
der Bildung und letztlich auch für die der Medien.
Und – als Brücke zur aktuellen Diskussion in
Österreich und zu Robert Menasse – für eine Aufgabe
der Intellektuellen. Aber ist die begrüßenswerte augenblickliche heftige Debatte der Intellektuellen
zur Beurteilung des Zustandes in Österreich
wirklich der Sache gewidmet oder werden hier
Scheingefechte ausgetragen? Ist das ein Ansatz, um
Dir einen Einstieg in die Diskussion zu geben, oder
bist Du dessen schon müde?
Robert Menasse: Ich weiß nicht, ob ‘müde’ das
richtige Wort ist, wahrscheinlich werde ich schön
langsam lethargisch und apathisch, und es fällt mir
zunehmend schwerer, auf Grund der Erfahrungen
der letzten Zeit über Politik zu diskutieren, weil
die Machtlosigkeit der Diskussion und die
Konsequenzlosigkeit der analytischen Auseinandersetzung
mit gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen
sozusagen stufenweise gestärkt wird.
Wenn eine der ersten Entscheidungen des neu gewählten
Präsidenten der Vereinigten Staaten – also
des sogenannten mächtigsten Mannes der Welt –
ist, augenblicklich eine Stadt in einem anderen
Land zu bombardieren, und das keine entschiedenen
Gegenmaßnahmen hervorruft, österreichische
Zeitungen – etwa der Kurier – daraus keine Schlagzeile
machen, dann frag ich mich schon, wozu wir
das alles noch diskutieren? Aber da ich keinen anderen
Beruf erlernt habe, und weil wir schon mit
Popper begonnen haben, und Popper ja der
Lieblingsphilosoph aller politischen Fraktionen ist,
wie wir von Popper selbst wissen, dann möchte ich
mit meinem Lieblingszitat von Popper beginnen.
Es ist übrigens ein so gutes Zitat, dass ich der Meinung
bin, dieser Satz ist sein Hauptwerk, alles andere
fällt daneben ab.Über die Intellektuellen und
deren politische Aufgabe sagte Popper: „Die Intellektuellen
haben, wenn überhaupt eine, dann nur
die politische Aufgabe, ab dem ersten Tag, an dem
eine Regierung in einem Land ihr Amt antritt, dafür
zu sorgen, dass sie bei der nächsten Wahl abgewählt
wird.“ Und dieser Aufgabe möchte ich mich
als österreichischer Intellektueller gerade jetzt nicht
entziehen. Wenn wir über die Möglichkeiten politischen
Handelns in unseren sogenannten offenen
Gesellschaften produktiv nachdenken und uns die
Frage stellen, was können wir tun, damit sich die
Zukunft der offenen Gesellschaft produktiv entwikkelt,
wie fördern wir eher einen Zugewinn an Demokratie
als eine Rücknahme von demokratischen
Verfahren und was sind die künftigen Möglichkeiten
offener, demokratischer Politik, dann muss man
sich wohl grundsätzlich fragen, was überhaupt
Politik ist, unabhängig davon, ob sie jetzt offen oder
nicht offen, demokratisch oder nicht demokratisch
ist.
Es gibt nämlich – das ist meine Einschätzung –
genau in der jetzigen Situation in den sogenannten
demokratischen Gesellschaften eine große Verwirrung,
was den eigentlichen Politikbegriff betrifft.
Es ist noch nicht lange her, da war das noch nicht
selbstverständlich, wie es heute selbstverständlich
ist, dass Politik nicht mehr als Möglichkeit offenen,
politischen, gesellschaftlichen Handelns, öffentlichen
Handelns angesehen wird mit der Möglichkeit,
Bedingungen zu schaffen, in denen Gesellschaft
sich entwickeln, in denen unliebsame
Entwicklungstendenzen be- oder verhindert werden.
Politik wird heute ausschließlich – und zwar
meinem Eindruck nach quer durch das Spektrum
aller politischen Fraktionen – als Mittel betrachtet,
einerseits eine statthabende Entwicklung nachzuholen,
andererseits gegenüber einer erwarteten
Entwicklung im vorauseilenden Gehorsam die
legistischen Anpassungen durchzuführen. Man fragt
sich nicht mehr, was wollen wir in Zukunft haben,
sondern man macht Meinungsumfragen und sagt,
in Zukunft wird es das und das geben, darauf müssen
wir uns vorbereiten, dafür müssen wir fit sein.
Meiner Meinung nach aber ist es nicht Aufgabe der
Politik – und schon gar nicht in einer repräsentativen
Demokratie, wo gesellschaftliche Interessen
sozusagen gegeneinander vermittelt werden – sich
einer Entwicklung zu unterwerfen, nur weil man
glaubt, dass sie ohnehin stattfindet und dass diese
Entwicklung mächtig ist. Und je besser die Unterwerfung
funktioniert, umso erfolgreicher sei die
Politik.
Der moderne Sozialstaat z.B. ist nicht dadurch
entstanden, dass die Sozialdemokratie in ihrer
Gründungsphase gefragt hat: Wohin geht die Ent-
wicklung der modernen Industrieformen und was
sind die machtvollen geschichtsträchtigen Interessen
der Gründerzeitindustriellen? Also machen wir
den 18-Stunden-Tag statt des 12-Stunden-Tages.
Das war keineswegs die Antwort der Sozialdemokratie.
Sie hat schon gesehen, wohin die Eigendynamik
einer Gesellschaft, die sich entwickelt hat
und die eine Dynamik entfacht hat, wohin diese
Eigendynamik, diese Entwicklung, diese Dynamik,
ging; sie hat aber regulierend Konzepte entwickelt,
um das in den Griff zu bekommen, Chancengleichheit,
soziale Gerechtigkeit usw. zu implantieren,
und daraus ist der Sozialstaat entstanden.
Die aktuelle Politik – und da ist Österreich nur
ein Versuchslabor, aber ich glaub, das passiert weltweit
– verwandelt sich mit Konzepten wie „speed
kills“ in das Gegenteil demokratischer Politik. Und
zwar nicht, weil ihre Verfahren nicht demokratisch
legitimiert sind, sondern deshalb, weil der Politikbegriff
falsch ist. Er bedeutet nämlich: Wir betreiben
vorauseilenden Gehorsam im Galopp. Wir aber
sollten bei der Diskussion über die Möglichkeiten
der Entwicklung demokratischer Verfahren, demokratischer
Politik, zu einem Politikbegriff im Sinn
der klassischen Absichten von Politik zurückkehren,
sonst werden wir immer nur demokratisch
unsere Entdemokratisierung und unsere Entmündigung
legitimieren.
Heide Schmidt: Es sind der Mangel oder der
Verlust an Gestaltungswillen, aber auch die
bewusste Aufgabe des Gestaltungswillens in der
Politik angesprochen. Dabei geht es aber um unterschiedliche
Ursachen, die nicht alle gleich
bewertbar sind.
Lord Dahrendorf: Ich will noch drei Punkte
zum Politikbegriff anmerken: Erstens, nicht das
ganze Leben ist Politik, im Gegenteil – in einer freien
Gesellschaft ist der Bereich, in dem politische
Gestaltung gefordert ist, eher begrenzt und sollte
es auch sein. Es ist nicht die Aufgabe der Politik,
alle menschlichen Probleme zu lösen.
Zweitens, es gibt bestimmte Grenzsituationen
verfassungspolitischer Art. Das sind nach meiner
Meinung die entscheidenden Situationen für Intellektuelle,
die sensibler sind für die moralische Qualität
bestimmter Entwicklungen und Entscheidungen.
Ich finde die Rolle der Intellektuellen in der
österreichischen Diskussion im letzten Jahr erfreulich,
d.h. es gab eine Sensibilität für Entwicklungen,
die eine verfassungspolitische Qualität haben.
Drittens, in den großen Bereichen der Politik,
die im Normalfall zur Diskussion stehen, brauchen
wir zweifellos intelligente Vorstellungen. Ich halte
diese Frage der Nachhaltigkeit unserer Sozialpolitik
für eine Schlüsselfrage heute, eine Sozialpolitik,
die auch für zukünftige Generationen noch
verantwortbar ist. Und da braucht man eine ganze
Menge Nachdenken und nicht nur ein nervöses
Handeln in bestimmten, gegebenen Krisensituationen
– auch das ist eine Aufgabe der Intellektuellen.
Denn beim Nachdenken über Alltagspolitik und
sinnvolle Lösungen haben viele Parteien ausgesprochene
Angst, solche etwas schwierigen Erwägungen
überhaupt anzustellen.
Heide Schmidt: Liegt ein Grund für den Verlust
des Gestaltungswillens der Politik im Verlust an
Gestaltungsfähigkeit, weil Politik und Macht nicht
mehr so zusammengehören, wie sie einmal zusammengehört
haben. Kann das ein Grund sein, und wenn es
so wäre, ist das wünschenswert, ist es rückholbar?
Lord Dahrendorf: Das ist in bestimmten Bereichen
wahr und jedenfalls durch nationale Politik auch
nicht rückholbar. Die Renationalisierung der internationalen
Entwicklungen würde wahrscheinlich zur
Verarmung und Isolierung führen. Im übrigen aber
ist meiner Meinung nach der Gestaltungsspielraum
politischer Instanzen nach wie vor enorm – etwa für
oder gegen Umverteilung, das ist eine freie politische
Entscheidung.
Robert Menasse: Ich glaube, dass sich zwischen
jenen Machtzentren, wo wirklich die Entscheidungen
fallen, und den politischen Institutionen, die
delegiert sind, Entscheidungen zu treffen, eine
Schere geöffnet hat. Aber die Tatsache, dass
Gestaltungsmöglichkeiten der Politik geraubt sind
oder geraubt scheinen, erklärt noch nicht, oder
akzeptiert auch noch nicht, dass die Politik die
Entscheidungsmöglichkeiten nicht einmal mehr für
sich beansprucht. Klassisch ist Politik natürlich
immer Interessenspolitik. Aber heute akzeptiert sie
die Interessen derer, die ohnehin gewinnen. Und das
Ganze als Verwaltung heißt dann: Politik; als Moderation
heißt es dann: innenpolitische Nachrichten.
Was fehlt, ist eine Debatte darüber, wie man
regulierend politisch so eingreifen kann, dass ich
mir die demokratische Legitimation nicht durch die
Unterfütterung der Ressentiments der Verlierer und
die Finanzierung meines politischen Lebens durch
die Gewinner besorge.
Heide Schmidt: Schon, aber Du tust ja fast so,
als wäre das ein sich etablierendes Naturgesetz...
Robert Menasse: Nein, im Gegenteil, was ich
kritisiere ist, dass heute so getan wird als wären
gesellschaftliche Entwicklungen Naturgesetze. Politiker
– egal, ob in Österreich oder weltweit – agieren
wie Lorenz–Schüler: Sie alle untersuchen ökonomische
Entwicklungen der Welt bis hin zu den
Internetentwicklungen wie Lorenz die Graugänse
und sagen: So ist das einfach, wir müssen uns da
adaptieren, wir müssen da fit werden, und je besser
der Mensch Flügel-Flattern kann wie eine Graugans,
umso besser wird er sozial auskommen mit
allen Entwicklungen, die stattfinden. Und ich sage:
Alles, was gesellschaftlich passiert, was politisch
weltweit passiert, ist Menschenwerk, ist von Menschen
gemacht, ist kein Naturgesetz.
Heide Schmidt: ...und ist daher veränderbar –
auf welche Weise?
Robert Menasse: Trial and error... Wie einst
demokratisch legitimierte und auch
demokratiewollende gesellschaftliche Gruppen die
Macht der großen Adelshäuser gebrochen haben, so
braucht es heute einen Gestaltungsanspruch der
BürgerInnen gegen die multinationalen Konzerne.
Auch wenn Irrtum nicht ausgeschlossen ist, der
Gestaltungsanspruch von Politik wäre wieder
hergestellt. Und es wäre gleichzeitig der Beginn einer
Restaurierung des gesellschaftlichen Bewusstseins
dahingehend, dass Politik mit allgemeinen Interessen,
mit den Interessen der Öffentlichkeit und nicht mit
den Interessen einzelner privilegierter Gruppen zu tun
haben muss.
Lord Dahrendorf: Ich erkenne da die Welt, in der
ich lebe, nicht wieder. Ich lebe in einer Welt einer sehr
intensiven politischen Diskussion. Heute wissen wir,
dass die Besserstellung einer bestimmten Gruppe nicht
automatisch dazu führt, dass alle gewinnen – das hat
schon in der alten Entwicklungsländertheorie nicht
gestimmt. Herr Blair hat zu seinem Leidwesen entdeckt,
dass es auch innenpolitisch in dieser Form nicht
funktioniert, und jetzt gibt es eine lebhafte Diskussion,
wie man zumindest öffentliche Einrichtungen –
einen öffentlichen Sektor – schaffen kann, der wirklich
allen zur Verfügung steht. Bei dieser Umverteilungsdebatte
sind Gesundheitswesen, Bildungswesen,
Verkehr und einzelne andere Bereiche wichtige
Bausteine. Das ist doch eine sehr sinnvolle Diskussion,
die bestätigt, dass es politische Gestaltungsmöglichkeiten
gibt und dass die auch wahrgenommen
werden. Diese Diskussion ist kontrovers, sie ist nicht
entschieden, aber sie führt zum Handeln und sie begrenzt
ohne jeden Zweifel die Möglichkeit der Ausübung
willkürlicher Macht auf Grundlage von wirtschaftlicher
Position. Also, ich teile die Meinung, dass
es hier ein zentrales Problem gibt, aber nicht die, dass
es darüber keine Diskussion und keine tatsächlichen
Entwicklungen gibt.
Heide Schmidt: Ich glaube, dass beide Recht
behalten können: Zum einen ist wahrscheinlich das
Bild in England ein anderes, als wir es in Österreich
erleben, zum anderen habe ich den Eindruck, dass die
Mühsal der Überwindung von bestimmten Zuständen
heute nicht mehr so gern auf sich genommen wird. Die
Bereitschaft, lieber den Weg des geringsten Widerstandes
zu gehen und damit in der vorrauseilenden Erfüllung
bestimmter Gegebenheiten zu agieren, ist sehr verbreitet.
Lord Dahrendorf: Ich glaube, Herr Menasse unterschätzt,
wie unsicher die Mitglieder der globalen
Klasse, wie unsicher die großen Unternehmer sind,
über das, was sie außerhalb ihres Unternehmensbereichs
wollen. Es ist nicht so, dass sie Interessen haben,
die sich in alle Lebensbereiche hinein fortsetzen.
Sie sind auch angewiesen auf das ziemlich genaue Befolgen
nationaler politischer Regelung, ihr Geschäft
zu betreiben.
Heide Schmidt: Was mich in diesem Zusammenhang
interessiert, wäre der Versuch Positionslichter
zu setzen für die Grenzen eines Marktes.
Lord Dahrendorf: Markt ist im Kern ein Regelwerk.
Markt ist nicht Anarchie, sondern Markt ist ein
Regelwerk, innerhalb dessen spezifische Interessen
ohne Schaden für das Ganze stattfinden können. Dass
Markt Kartellgesetze, überhaupt rechtliche Regelungen,
braucht, ist immer evident gewesen und ist, wenn
Sie so wollen, Kernstück von Adam Smith. Unser Problem
ist, dass die Märkte heute in Räume ausgewandert
sind, für die solche Regelwerke nur sehr unvollkommen
existieren. In internatonalen Bereichen gibt
es eine merkwürdige Mischung von Hegemonie und
Anarchie. Europa ist aber beim Versuch, Regelwerke
zu finden, sehr erfolgreich.
Robert Menasse: Der gemeinsame Markt in Europa
hat sicherlich dazu beigetragen, im historisch von
furchtbaren nationalen Konflikten gezeichneten Kontinent
Europa zunächst eine vernünftige nachnationale
Entwicklung einzuleiten. Der europäische Markt war
sicherlich sozusagen der Motor für die weitgehende
Aufhebung der schlimmsten Formen von Nationalismus
auf diesem Kontinent voller Nationalstaaten. Die
Frage ist aber jetzt, wie geht man damit um, dass dieser
Fortschritt in der nachnationalen Entwicklung in
Europa, die durch den Markt eingeleitet wurde, nicht
gleichzeitig wieder zu Rückschritten in demokratiepolitischen
Entwicklungen führt. Vorläufig ist es ja
groteskerweise so, dass jeder europäische Nationalstaat
zumindest in seiner Verfassung demokratischer
entwickelt ist als die Union der Nationalstaaten.
Heide Schmidt: Weil am Anfang die Zielsetzung
für ein gemeinsames Europa eine andere war. Ein –
nehmen wir mal den Begriff – Bundesstaat hat andere
Bedürfnisse nach demokratischen Strukturen als eine
Wirtschaftsgemeinschaft. Und die Nationalstaaten
verfolgen immer noch in erster Linie Eigeninteressen.
Robert Menasse: Das Projekt steht und fällt mit
der Entwicklung demokratischer Strukturen auf diesem
Kontinent. Ich kann zwar wählen gehen für ein
europäisches Parlament, aber es hat keine parlamentarischen
Funktionen, keine solchen Aufgaben und
keine Macht. Ich wähle also in Wirklichkeit, wenn ich
die politische Vertretung wähle, einen nationalstaatlichen
Politiker. Dieser Politiker – unabhängig davon,
wie weit rechts oder links er steht –, weiß genau, dass
er nur gewählt wird, wenn er nationalstaatliche Versprechen
abgibt, und gleichzeitig weiß er, dass er auf
europäischer Ebene gar nicht die Möglichkeit hat, diese
Versprechen einzuhalten. D.h. der nationalstaatliche
Politiker, der sich wählen ließ, hat den Nationalbürger
angesprochen und produziert damit – durch die Unerfüllbarkeit
der nationalen Versprechungen – eine
Situation, in der Nationalisten und Rassisten dann ein
Feld mit Horden von enttäuschten, frustrierten und
ressentimentgeladenen Nationalbürgern vorfinden,
von denen sie nachher die Stimmen kassieren. Und
dann sind die demokratischen liberalen Politiker
europaweit besorgt über Situationen, die sie selbst
produziert haben, die sie produzieren müssen auf
Grund der Dialektik der Organisationsform dieses
Kontinents. Und jeder denkende Mensch weiß das. Die
Vermittlung zwischen übernationaler und nationalstaatlicher
Entwicklung betrifft den Kernpunkt der
demokratiepolitischen Entwicklung in unserer aller
Lebenszeit.
Lord Dahrendorf: Der Widerspruch zwischen dem
großen Getöne um Europa und der Realität Europas
wird uns noch teuer zu stehen kommen. Die Realität
Europas ist eine ganz bescheidene politische Realität.
Die Worte über Europa sind großspurig, hochtrabend
und irreführend und sie führen zu Widersprüchen, die
aktiv rechtsradikales, populistisches Tun fördern.
Robert Menasse: Zu den großen Worten: Sie sind
sozusagen die Kehrseite oder das Spiegelbild der statthabenden
Entwicklung. Wenn reale politische Gestaltungsmöglichkeiten
geringer werden oder geringer zu
werden scheinen, wenn sogar das Bewusstsein davon
schwindet, was jetzt sozusagen politisch notwendig
wäre, und man drittens weiß, dass man etwas beabsichtigt,
von dem man weiß, dass es nicht automatisch
breite Zustimmung findet – dann ist das die Zeit
der Neologismen, der neuen Worte und Begriffe, die
alle so gut klingen, dass kaum einer glaubt, etwas
dagegen sagen zu können. Das ist die Zeit der
Schönsprecher – siehe das Wort ‘Nulldefizit’. Es ist
wirklich interessant dass die, die unter den Konsequenzen
dessen leiden, was die Durchsetzung dieses
Begriffs, der Karriere dieses Begriffs heute in
Österreich zu verdanken ist, dass sogar Menschen,
die Opfer dieses Begriffs sind, ihm trotzdem zustimmen.
Es ist eine Meisterleistung, einen solchen
Begriff zu finden, mit dem man gesellschaftliche,
politische, wirtschaftliche, eine Reihe von Widersprüchen
in einem Begriff aufheben kann. Das ist
eine Leistung, die man eigentlich nur aus totalitären
Staaten kennt, wo Spezialisten damit befasst
waren, solche Begriffe zu finden. In Wirklichkeit
ist es doch so : Wir akzeptieren ein Bildungsdefizit,
wir akzeptieren demokratiepolitische Defizite, wir
akzeptieren gesellschaftspolitische Defizite, wirtschaftspolitische
Defizite, nur dafür, dass wir kein
Budgetdefizit haben. Wir kaufen uns mit der Aufhebung
eines Defizits zehn andere Defizite ein. Ein
anderes Beispiel für diese neue Sprache ist etwa die
‘Forschungsmilliarde’.
Die Tendenz, demokratiepolitische Prozesse,
dort wo Desinteresse, dort wo Zynismus, dort wo
andere Interessen, dort wo Hilflosigkeit herrscht,
zusammenzufassen unter Dachbegriffen, denen alle
zustimmen können, ist eine Bedrohung für gesellschaftlichen
Diskurs und demokratiepolitische Entwicklung.
Das ist auch der Grund, warum ich seit
drei Tagen darauf warte, dass eine österreichische
Zeitung nur den Satz von Herrn Westenthaler zitiert:
„Jeder, der was nicht beweisen kann in einem
Test, dass er Deutsch kann, dem wird sein
Einbürgerungsansuchen gecancelt“. Auch Medienpolitik
wird nicht gemacht, sondern man spielt mit
Begriffen. Man stimmt Kartellbildungen mit der
Formulierung zu: Das sichert die Freiheit der Medien.
So geht das ununterbrochen.
Heide Schmidt: Wir sind uns sicher einig, dass
die Sprache ein wesentlicher Faktor in der Demokratie
ist. Jede Verharmlosung, etwas sei nicht so
schlimm, weil es ja ‚nur gesagt’ worden ist, halte
ich für eine grobe Fehleinschätzung der Wirkung
der Sprache und für höchst gefährlich.
Aber kommen wir zur Schlussrunde. Ich habe jetzt
kürzlich etwas sehr Aussagekräftiges wieder gelesen,
das ich schon vergessen hatte: Die Griechen haben
seinerzeit ihren Gesetzen die Präambel ‘Es ist dem Rat
und dem Volk gut erschienen’ vorausgestellt. Mich
fasziniert dieser Satz, weil da die Botschaft der Demokratie
an sich drinnen steckt. Sie sagen nicht, ‘Es
ist gut’, sondern: ‘Es ist dem Rat und dem Volk gut
erschienen’. Das streicht heraus, dass es eine Beurteilung,
eine Abwägung, aber vor allem auch eine Verantwortlichkeit
gibt. Diese Verantwortlichkeit wieder
herzustellen, sie in einem öffentlichen Diskurs anzureizen
und dazu zu ermuntern, scheint mir ein wichtiger
Weg für die Demokratie zu sein.
Wie können wir dieses tun? Die ‘Zivilgesellschaft’,
die sich organisiert und artikuliert,
halte ich für einen wichtigen Ansatz.
Lord Dahrendorf: Die ‘Zivilgesellschaft’ ist das
normale Leben, die ‘Bürgergesellschaft’ ist das Leben
in Assoziationen, in Verbindungen mit anderen, die
nicht vom Staat organisiert und nicht auf den Staat
fixiert sind. Übrigens sind sie auch nicht von der Wirtschaft
organisiert und auch nicht auf die Wirtschaft
fixiert. Insofern sind bürgergesellschaftliche Proteste
gegen staatliche Instanzen gelegentlich wichtig, aber
nicht der Kern der Bürgergesellschaft. Bürgergesellschaft
bedeutet, dass wir eben nicht in 90 %
unseres Lebens in staatliches Licht getaucht sind, und
weil viele kontinentale Gesellschaften geschichtlich
gesehen Staatsgesellschaften sind, fällt es ihnen sehr
schwer, ein bisschen bürgerliche Assoziationsfreiheiten
herauszubrechen aus dem staatlich überorganisierten
Gebilde, in dem sie leben. Die Extremfälle sind wahrscheinlich
Frankreich und Spanien, aber es ist
Deutschland, oder in großen Teilen jedenfalls, nicht
sehr weit davon entfernt. Das ist eine ganz andere Situation
als in Italien oder in Großbritannien, insbesondere
in England oder in den Vereinigten Staaten,
wo sozusagen die freiwilligen Assoziationen vor dem
Staat da waren und der Staat mühsam seine Rechte
sich nehmen musste, von den Bürgern, die sie ungern
hergaben, das war der Witz der amerikanischen Verfassung.
Von daher würde ich sagen, die Aufgabenstellung
ist verschieden in verschiedenen Ländern, aber überall
gilt, dass die freiwilligen Assoziationen in ihrer
ganzen Vielfalt ein Kernstück des Lebens in Freiheit
sind, die ja etwas zu tun haben mit dem dritten Sektor,
mit der Tätigkeit, mit der Sozialtätigkeit von freiwilligen
Organisationen, zu der aber ebenso Faschingsvereine,
Sportvereine und übrigens Verlage und Medien
usw., usw. gehören. Also ein großes Thema, ein
wichtiges Thema, eines bei dem sicher in Österreich,
wie in anderen benachbarten Ländern manches zu tun
bleibt und eines, an dem sich manche Fragen lösen
lassen, die wir hier als ausschließlich politische Fragen
behandelt haben, und ich sag noch einmal zum
Schluss: Mir scheint die Politisierung, auch die Politisierung,
wie sie in Österreich im letzten Jahr verständlicherweise
und richtigerweise stattgefunden hat, eine
unglückliche Ausnahmesituation. Sie ist nicht das, was
man anstreben soll, wenn man in einer freien Gesellschaft
leben will, in der die staatlichen Geschäfte mit
demokratischen Methoden und all den Problemen, die
wir hier behandelt haben, wahrgenommen werden, in
der aber der allergrößte Teil des Lebens nicht vom
Staat bestimmt wird.
Heide Schmidt: Ich glaube, auf das können wir uns
verstehen: Die Politisierung, die ich im Augenblick in
Österreich erlebe, ist eine Politisierung des
Bewusstseins, über deren Anlass man sich zwar nicht
freuen muss, aber die Tatsache, dass sie entsteht, ist
jedenfalls das Positive. Denn erst mit politischem
Bewusstsein kann die Frage sinnvoll diskutiert werden,
was der Staat eigentlich alles bestimmen darf.
Auch die Tatsache, dass Sie an unserem Gespräch an
einem so strahlenden Sonntagvormittag Interesse haben,
stimmt optimistisch. Ich hoffe, dass wir noch öfter
zu einem Gedankenaustausch zusammenkommen.
Das Angebot eines Förderkreises soll auch dazu dienen,
denn dann können wir der geistigen Trägheit,
die der größte Feind der Freiheit ist, organisiert begegnen.
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