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"Zeitenwechsel - Seitenwechsel
Neue Allianzen für eine soziale Gesellschaft"
Eine Nachlese in Auszügen
Am 25. November 2001 fand in der Nationalbibliothek in Wien die dritte Veranstaltung des Instituts für eine offene Gesellschaft statt. Diese widmete sich dem Thema des sozialen Zusammenhaltes als Grundvoraussetzung für eine offene Gesellschaft. Die Diskussion spannte sich von der Frage, ob ein allumfassendes absicherndes Sozialsystem auch in einer künftigen Immigrationsgesellschaft aufrecht erhalten werden kann, oder ob und bei welchen Gruppen Leistungskürzungen vorzunehmen seien, bis hin zur Forderung nach einer rechtsansprüchlichen Grundsicherung als Gegenmodell zur moralisierenden Almosen-Verteilung durch eine überbordende Sozialbürokratie. Einigkeit herrschte in der Überzeugung, dass nur ausreichende Investitionen in die Aus- und Weiterbildung der Menschen die sozialen Erosionen in der Wissensgesellschaft der Zukunft verhindern können.
Lesen Sie hier eine Mitschrift der gesprochenen
Worte in Auszügen.
Heide Schmidt: Ich begrüße Sie im Namen des
Instituts für eine offene Gesellschaft zu einer Gesprächsrunde,
die sich dem Thema des sozialen Zusammenhaltes der Gesellschaft
widmen wird. Wir haben dieses Thema nicht so sehr aus Gründen
der tagespolitischen Aktualität gewählt, obwohl es
diese natürlich auch gibt. Das Sozialstaatsvolksbegehren
ist etwa eine derartige Reaktion und ich gehe davon aus, dass
der heutige Vormittag einige einschlägige Informationen
dazu liefern wird. Da auch ich mich entschlossen habe, es zu
unterschreiben und zu unterstützten, hoffe ich, dass die
Diskussion auch manches Argument für Sie dafür liefert.
Ungeachtet der in diesem Zusammenhang zu erwartenden Öffentlichkeitsarbeit
habe ich aber den Eindruck, dass die Auseinandersetzung über
die Notwendigkeit, den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft
sicher zu stellen, nicht wirklich sachgerecht und grundsätzlich
statt findet. Ich hoffe, dass wir heute dieses Defizit ein wenig
verringern können.
Wenn vom sozialen Zusammenhalt die Rede ist, so halte ich es
für eines der wesentlichsten Kennzeichen, dass in einer
Gesellschaft nicht Einzelne oder Gruppen entweder von vornherein
oder einfach de facto davon ausgeschlossen sind, die gleichen
Möglichkeiten für ihre Lebensentfaltung zu haben wie
alle anderen. Dass die sozialen Unterschiede eben nur Unterschiede
sind und nicht Kluften, und dass vor allem - und das scheint
mir einer der wesentlichsten Gesichtswinkel zu sein - die Spielregeln,
die für eine Gesellschaft gelten, von allen gemeinsam getragen
werden. Das passiert aber nur, wenn Menschen nicht das Gefühl
haben, wenn es darauf ankommt, würden sie im Stich gelassen,
dann würden sie auf der Strecke bleiben. Gelebte Solidarität
ist wohl im Wesentlichen das Ergebnis von Einsicht und zwar
sowohl jener der Stärkeren als auch jener der Schwächeren.
An dieser Einsicht ist ständig zu arbeiten, und ich halte
die Sicherung des sozialen Zusammenhaltes für eine der
notwendigen Zielsetzungen der Politik; das war eine Motivation,
das Thema für heute zu wählen. Am Titel Zeitenwechsel
- Seitenwechsel - neue Allianzen für eine soziale Gesellschaft'
erkennen Sie aber auch noch einen anderen Zugang dazu: Die Beobachtung
der Politiken der vergangenen Jahre - wenn Sie sich die Erfolge
eines Tony Blair anschauen, eines Gerhard Schröder, eines
Lionel Jospin - und die Positionen, mit denen Wählerstimmen
und Unterstützung gewonnen wurde, zeigen, dass es nicht
gerade - und da muss ich gar nicht bis zum Herrn Schily gehen
- Positionen sind, die man als typisch sozialdemokratisch bezeichnen
würde, die da im Aufwind sind. Auf der anderen Seite gibt
es aus der Unternehmerschaft immer lautere und zahlreichere
Stimmen, die die Verantwortung des sozialen Staates - und zwar
national als auch international - einfordern. Die Frage ist
daher: Gibt es hier eine Art Seitenwechsel und/oder gibt es
neue Allianzen, um für eine soziale Gesellschaft zu kämpfen,
und wie setzen sich solche Allianzen zusammen. Das ist der weitere
Blickwinkel, unter dem das auch zu beleuchten sein wird. Ich
möchte Sie daher gar nicht mehr mit der Begründung
für das Thema aufhalten, sondern mich bei Lydia Ninz, Wirtschaftsredakteurin
des Standard, bedanken, dass sie sich bereit erklärt hat,
die Gesprächsrunde zu führen und sie ersuchen, unsere
weiteren Gäste vorzustellen. Vorweg aber muss ich einen
Gast entschuldigen: Ich bedaure sehr, dass Prof. Marin aus Krankheitsgründen
- er liegt mit 40 Grad Fieber im Bett - kurzfristig absagen
musste. Und damit gebe ich das Wort an Lydia Ninz und das Podium
weiter.
Ninz: Ich möchte zunächst die DiskutantInnen
am Podium vorstellen, indem ich gleichsam als Einwärmungsrunde',
an jeden/an jede Einzelne eine Frage stelle. Ich beginne mit
Matthias Horx. Er ist Gründer des Zukunftsinstitutes und
Propagandist des Wandels', wie er sich selbst definiert.
Sein Zukunftsinstitut hat inzwischen auch eine Dependance in
Wien. Sie haben nicht nur namhafte Firmen beraten und als vorläufig
letztes Ihrer Bücher "Smart Capitalism" geschrieben,
mit dem Sie auch einige Furore gemacht haben, sondern nach dem
11. September eine Delphi-Studie initiiert, in der es vier verschiedene
Szenarien gibt, wie sich die Welt bis zum Jahr 2010 verändern
wird. Sie haben diese Szenarien ins Internet gestellt, und es
gab eine Abstimmung darüber. Die höchste Zustimmung
bekam das Globalisierungsplus-Szenario: eine neue Weltordnung
nach dem 11. September, eine Art Weltregierung, also die positive
Seite der Medaille. Am schlechtesten schnitt das Szenario Dschihad-Age'
ab, wo sie unterstellen, dass es zu einem dritten Weltkrieg,
zu terroristischen Attacken kommen wird und zu einem Niedergang
in einem ökonomischen Sinne. Es würde mich interessieren,
welches Szenario Sie persönlich für das wahrscheinlichste
halten?
Horx: Ich ergänze noch zwei andere Zwischenszenarien:
das Security-Age' oder Hochsicherheitszeitalter',
das davon ausgeht, dass wir uns, im Grunde genommen, mit einem
leichten Zurücktreten in alte ideologische Konstruktionen
mit nationalstaatlicher Betonung einbunkern, wie das zum Teil
in Israel zu beobachten ist. Dort sieht man, dass eine Gesellschaft
im Belagerungszustand durchaus prosperieren kann und wir uns
an Terrorattentate gewöhnen. Und es gibt noch ein viertes
Szenario, das wir Supernation Age' nennen, wo wir davon
ausgehen, dass Inseln des Wohlstands in einer zunehmend konfliktreichen
globalen Welt überleben, die aber relativ unbehelligt vom
Terrorismus bleiben.
Delphis sind normalerweise Expertenrunden von Zukunftsforschern.
Diesmal haben wir das der Öffentlichkeit anheim gestellt
und hatten innerhalb weniger Wochen über zweieinhalbtausend
Teilnehmer. Da es nicht ganz einfach ist, sich mit diesen relativ
komplexen Dingen auseinander zu setzen, haben ungefähr
ein Zehntel dieser Teilnehmer die wildesten, apokalyptischen
Gemälde gemalt. Prozentuell gab es dann einen ganz kleinen
Überschuss in Richtung positives Szenario, also "Globalisierungsplus".
Die Mehrheit meinte, dass diese Ereignisse, die sicherlich nicht
mit dem 11. September zu Ende sind, uns mittelfristig auch eine
neue Globalisierungsphase ermöglichen, indem wir lernen
- man muss dann schon fast sagen, als Weltgemeinschaft - neue
Allianzen, neue Instrumente zu schmieden und zu entwickeln und
anfangen, uns um diese Elendsländer, die in den letzten
zwei Jahrzehnten aus der aktuellen Welle der Globalisierung
und damit aus der Zunahme des globalen Wohlstands herausgefallen
sind, zu kümmern. Das wird sehr schwierig sein. "Nation
Building" ist eines der Stichworte, die wir im Moment haben.
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir als Staatengemeinschaft lernen,
neue globale Instrumente zu entwickeln, ist relativ hoch. Es
gibt dafür viele ermutigende Anzeichen, die aufstrebende
UNO als Institution, die Idee der Weltinnenpolitik, die Idee
einer Friedenspolitik, die durchaus auch mit militärischen
Mitteln erfolgen kann. Das ist die große Diskussion, die
wir auch in Deutschland derzeit haben, die sehr spannungsbreit
ist und die mit den alten Ideologien - hier der Pazifismus,
da die Kriegstreiberei - natürlich Schluss machen muss.
Das erfordert offene Diskussionen, in denen die Menschen sehr
schnell wachsen - das ist durchaus wahrscheinlich. Es wird wahrscheinlich
in den nächsten Jahren auch eine Übergangsphase mit
Instabilität, mit Unruhen, mit Krisenerscheinungen, geben.
Das wird nicht vermeidbar sein, aber ich denke schon, dass diese
Übergangskrise auch beinhaltet, anzufangen, die Globalisierung
politisch zu formen'. Diese politische Formung'
der Globalisierung bedeutet auch, dass wir uns selbst und unsere
Konstruktion, unsere europäischen Konstruktionen des Sozialstaates
ein Stück weiter in Frage stellen müssen, und deshalb
sind diese beiden Themen - Sozialstaat der Zukunft und die Zukunft
der Globalisierung - miteinander verknüpft. Wir fangen
jetzt erst überhaupt an die richtigen Fragen an die Sozialsysteme
zu stellen, und das tut sehr weh. Das ist auch eine ideologische
Debatte, die immer noch in den alten ideologischen Schützengräben
- Sozialstaat gegen Nicht-Sozialstaat; Neoliberalist gegen Sozialist
- geführt wird. Dies müssen wir überwinden und
wir müssen anfangen, Fragen zu stellen, die lauten: Wie
kann denn ein Sozialsystem in einer wirklich global offenen
Gesellschaft stattfinden?
Wir sehen ja, dass Sie in dem Moment, in dem Sie eine Immigrationsgesellschaft
haben, nicht ein umfassendes absicherndes Sozialsystem anbieten
können, wie es in unseren relativ geschlossenen Gesellschaften,
wie Österreich oder Deutschland der Fall war. Die amerikanische
Gesellschaft ist eine Immigrationsgesellschaft gewesen. Wenn
die im 19. Jahrhundert angefangen hätten, unsere sozialen
Standards den Leuten zu garantieren, dann wäre der amerikanische
Staat nach drei Sekunden pleite gewesen. Also, wie können
wir in einer offeneren, in einer riskanteren, in einer Risikogesellschaft
oder - noch ein Stück mehr - in einer Individualgesellschaft,
in einer Wissensökonomie, in der die Menschen nicht mehr
so arbeiten, wie sie es im Industrialismus getan haben, nicht
mehr an lebenslangen Arbeitsplätzen, wie können wir
da das Sozialsystem so umbauen, dass es auf der einen Seite
fair ist, auf der anderen Seite aber auch die neuen Herausforderungen
der größeren globalen Herausforderungen berücksichtigt?
Diese große Debatte haben wir, und weil wir im Geiste
immer wieder in unsere alten geschlossenen Diskussionen zurück
fallen, kommen merkwürdige Allianzen zu Stande. Plötzlich
sind die ganz Rechten in Europa die glühendsten Verfechter
eines populistisch gewendeten Sozialstaates, indem sie sagen:
Hier sind die Mitglieder der nationalen Gesellschaft, für
euch gelten diese wunderbaren Garantien des Sozialstaats, aber
sobald einer hinein will in dieses System, dann sieht er alt
aus. Das geht bis tief in die Konstrukte des Verfassungsstaates,
das geht bis tief in das Selbstverständnis des Nationalstaats
in der globalen Welt. Das sind die Spannungslinien entlang derer
die Diskussion in den nächsten Jahren verlaufen muss.
Ninz: Eines dieser Spannungselemente erleben wir gerade
in Österreich: Bestandsschutzgarantie' ist ein Schlagwort,
das im Volksbegehren zum Sozialstaat auch proponiert wird. Walter
Ötsch ist eine spannende Mischung' zwischen einem
Volkswirtschaftsprofessor und einem Kommunikationswissenschafter
mit Schwerpunkt auf NLP, also Neo- Linguistisches Programmieren,
das wir alle in Österreich inzwischen irgendwie kennen
gelernt haben. Herr Professor Ötsch hat ein Buch geschrieben,
vor einem Jahr, Haider light'. Es läuft recht gut,
leider nur in Österreich, weil es in Deutschland vertriebsmäßig
nicht so gut klappt. Aber es gibt schon die vierte Auflage des
Buches im Internet. Sie schildern hier die Logik des populistischen,
des demagogischen Denkens, und Herr Horx hat schon erwähnt,
dass es darum geht, die Welt in zwei Lager zu teilen: Die einen
sind wir, wir sind die Guten, die anderen sind immer die Bösen,
diejenigen, die man bekämpfen muss und an denen man kein
gutes Haar lassen kann. Die Frage wäre jetzt - ich komme
noch einmal zurück auf den 11. September und die Ereignisse
um dieses Datum -, ob auch hier die Muster des demagogischen
Denkens sichtbar werden und was sie bedeuten?
Ötsch: Ich möchte mit einer Klassifikation
der Terrorattentate beginnen. Der Untertitel meines Buches heißt:
Handbuch der Demagogie' und ich denke, über Demagogie
nachzudenken, ist viel spannender als über die FPÖ
nachzudenken. Ich hab auch im Buch manchmal ganz kurze Anklänge,
wo ich sage: Immer dann, wenn es darum geht, ein Volk oder eine
Nation auf einen Krieg einzustimmen, sind diese demagogischen
Muster zu beobachten. Ganz am Ende des Buches schreibe ich über
den Begriff Mega-Hype'. Das möchte ich erklären:
Ein Hype ist eine Inszenierung durch die Medien, ein Medienereignis,
ein Ereignis, das tatsächlich passiert, das die Medien
transportieren und bei denen die Menschen mit einer großen
Emotionalität reagieren, siehe das Unglück in Kaprun.
Alle sind erschrocken und 3, 4 Tage ist in den Medien eigentlich
nur dieses Thema zu finden und es wird auch diskutiert. Das
sind die Hypes, von denen die moderne Medienwelt lebt, weshalb
immer ein Hype nach dem anderen produziert wird. Die kollektive
Aufmerksamkeit wird sozusagen auf diese Hypes gelegt. Jetzt
passieren so Ereignisse, wie z.B. Terrorattentate, die eine
viel größere Dimension haben. In meiner Begrifflichkeit
sind das Mega-Hypes.
Mega-Hypes sind Situationen, die höchste Aufmerksamkeit
erfordern, weil sie eine derartige Art von Erregung, eine derartige
Art von Betroffenheit hervorrufen in den Menschen, wo dann auf
einmal die soziale Struktur, die vorher als konstant konstruiert
wurde, auf einmal flüssig wird. In der Geschichte des 20.
Jahrhunderts gibt es viele Beispiele für Mega-Hypes mit
schlechten Auswirkungen. Ich möchte zwei davon erwähnen,
den Börsenkrach, der dann einige Monate später die
Nationalsozialisten in Deutschland zur größten Partei
gemacht hat und dann die Inszenierung des Reichstagbrandes,
einen Tag vor den entscheidenden Wahlen. Auf Mega-Hypes kann
man ganz unterschiedlich reagieren, die unmittelbare Reaktion,
die ich bei mir bemerkt habe - vielleicht ist es Ihnen auch
so ergangen - war eigentlich fast eine Schockreaktion, wie eine
Art von Paralyse, und ich habe das auch bei vielen Leuten gemerkt.
Man ist ganz geschreckt, man ist in so einem Nebel drinnen.
Auf so eine Situation kann man ganz unterschiedliche Deutungsmuster
entwickeln; Feuilletons am Wochenende nachher haben - zumindest
in Europa - einen sehr bunten und heterogenen Diskurs ergeben.
Ganz entscheidend ist in so einer Situation, wie die Staatsspitze
reagiert, weil der Deutungsrahmen, der von oben her angeboten
wird, die soziale Realität in einem hohen Maße strukturiert.
In der amerikanischen Regierung gibt es, so weit man das beobachten
kann, unterschiedliche Richtungen. Eine davon sind die Hardliner.
Es war für mich interessant - aber auch bestürzend
- die Denkmuster zu entdecken. Ich habe die Deutungsmuster,
die hier angewendet worden sind, genau analysiert, z.B. die
Rede von Bush vom 20.09., also neun Tage nach diesen fürchterlichen
Ereignissen. In der Art, wie sie von den ghostwriters geschrieben
worden ist, passt sie genau in dieses demagogische Muster. Mit
Demagogie' meine ich folgendes: Wir brauchen, wenn wir
über soziale Realität reden, Bilder über Menschen,
wir brauchen Bilder über Gruppen, das sind ganz wichtige
Prozesse. Ein wichtiger Punkt ist die soziale Seite unserer
Identität, wir und die anderen, wir Männer und die
Frauen, d.h. wir müssen eine Art von Abgrenzung machen,
weil wir uns nur so sozial in unserer Eigenidentität konstruieren
können und wenn jemand diese Leistung nicht machen kann,
dann hat man sehr große psychische Probleme.
Demagogie' wird so definiert, dass man dieses Wir
und die anderen' so stark trennt, als wären das Menschen
von einem anderen Stern und mit ganz eindeutigen Begriffen,
mit eindeutigen Zuordnungen und mit eindeutigen Prädikaten
belegt. Das ist der Deutungsrahmen - das offizielle amerikanische
"Framing" - dieser Rede: Wir Guten, die geistige
Zivilisation' und die Bösen', das wird in der Propaganda
durchgemacht. Viele Muster, mit denen Demagogie passiert, nämlich
Desinformation, selektive Informationsaufbereitung, die sind
auch hier zu beobachten. Der wichtigste Punkt überhaupt
ist, dass diese sozial konstruierten Modelle von Bildern, die
wir uns gemeinsam bilden, wahrnehmungsrelevant werden. Das ist
der spannendste Punkt überhaupt, d.h. die Wahrnehmung der
sozialen Realität ist wie ein Filter, wie eine Brille.
Durch diese Brille hindurch werden Ereignisse dann betrachtet
und im demagogischen Diskurs heißt es, dass ich dem Guten
auf der einen Seite meine positiven Gefühle gebe, Mitleid
mit den Opfern, und ich denke, diese internationale Mitleidsreaktion
mit den Opfern ist etwas, das mit der Globalisierung ein ungeheuer
positives Moment schafft. Ich glaube, das ist ein Moment, aus
dem man positive Zukunftsbilder machen kann, während im
demagogischen Diskurs sich die Betroffenheit nur auf die Wir'
bezieht. Stellen wir uns vor, in Washington würden morgen
500 Leichen herumliegen, welche Art von Betroffenheit würde
durch die Welt gehen, d.h. wie würde man emotional reagieren,
auf welche Weise würden die Medien darüber berichten,
wie würden die Hintergründe reflektiert werden, welche
Art von Schrecken wäre das? Jetzt liegen aber 500 Leichen
in Il Sharif herum und es gibt überhaupt keine Reaktion.
Das meine ich mit Wahrnehmungsvorgängen. Durch den Wahrnehmungsfilter,
der medial vermittelt wird, übernehmen wir dieses Denken
und im Grunde genommen zählen die Toten nicht. Das meine
ich mit Wahrnehmungsverschiebungen. Das andere Muster ist, dass
jemand, der z.B. sagt, schauen wir uns einmal die Geschichte
von Afghanistan an, als antiamerikanisch gilt. Ich möchte
natürlich nicht sagen, dass das die gesamte Stimmung ist,
aber es ist der Tenor. Letztlich liegt das Gefährliche
in diesem Hype: die Sachen, die in einem normalen, nüchternen
demokratischen Diskurs eine Rolle spielen müssten, zählen
nicht mehr.
Ninz: Offenbar ist es für die Zukunft wichtig,
dass man an diesen Bildern, diesen sozialen Konstruktionen arbeitet,
um zu verhindern, dass man in dieser Logik der Demagogie verfällt.
Sie haben von Toten gesprochen. Frau Jelena Brajsa, Direktorin
der Caritas Zagreb, weiß aus der Praxis, was Krieg für
ein Land bedeutet. Frau Brajsa ist heute aus Zagreb angereist,
sie hat in Österreich und in Frankreich studiert, das war
in ihrer Heimat damals nicht möglich. Sie kam 1966 in ihre
Heimat zurück und hat dort unter schwierigsten Bedingungen
die damals noch illegale Organisation der Caritas aufgebaut.
Jetzt sind 280 Menschen in der Caritas tätig. Frau Brajsa,
wie schaut das in der Praxis aus, die soziale Frage, wie schaut
es aus mit den sozialen Konstruktionen in einer Gesellschaft
nach dem Krieg, in einer Gesellschaft im Krieg?
Brajsa: Sie wissen alle, 10 Jahre ist es her, als bei
uns der Krieg begonnen hat, und 10 Jahre sind, wenn man ein
Kind von Geburt an schaukelt, sehr viel. Trotzdem, weil wir
noch immer in schweren Folgen des Krieges leben, ist das für
uns noch nicht so schrecklich weit weg, sondern noch immer die
tägliche Tatsache, dass wir noch mit diesen Folgen leben.
Ich möchte nicht über das erzählen und reden,
was alles schlecht gemacht wurde im Land als solches, sondern
vor uns steht der Mensch. Der Mensch, der sehr viel gelitten
hat und noch heute an den Folgen dieses Krieges leidet. Die
Caritas Zagreb hat von Anfang des Krieges an sehr viel für
die Kinder gemacht, als Opfer des Krieges. Ich möchte zwei
Beispiele kurz erzählen, um etwas deutlich zu machen. Heute
sind es 16, 20, 21- jährige junge Männer, die damals
vor 10 Jahren 6, 10, 12 Jahre alt waren, also Kinder waren,
wie sie heute auf diese Zeit zurückblicken, wie sehr Sie
gelitten haben, und was sie einfach in ihrem Leben weitertragen.
Gebäude werden wieder aufgebaut, aber das, was der Mensch
miterlebt hat und mit sich trägt für die Zukunft,
in der bessere, sozial gerechtere Staaten gebildet werden sollen,
kann man nicht so leicht weg stecken. Ein 12jähriger junger
Mann, dessen Vater und Mutter vor seinen Augen massakriert wurden,
kam zu uns ins Flüchtlingslager. Weil er noch sehr jung
war, kam er zu uns ins Heim für die Kinder, die Opfer des
Krieges. Am Anfang haben wir uns gedacht, er hat das wirklich
sehr gut überlebt, er hat angefangen zu lernen, und wir
haben gedacht, es ist irgendwie vorbei. Nach gut zwei Jahren
fand die Frau, die in dieser Abteilung tätig war, unter
seinem Polster ein riesengroßes Küchenmesser. Alle
waren schockiert, erstens, wo er das her hat, und wieso er es
unter den Polster gegeben hat. Wir haben festgestellt, was wir
alles falsch verstanden haben, dass in seiner Seele das alles,
was er miterlebt hat, was er mit seinen Augen gesehen hat, nicht
überstanden ist. Uns hat er gesagt, dass er Angst hat,
dass die Gegner vielleicht hierher kommen und er müsste
eine Waffe haben, um sich zu schützen. Wir waren schockiert
und hatten Angst, das Kind unter anderen Kindern zu haben. Er
ist ins Spital gegangen und hat alles bekommen, was er bekommen
musste, Psychoanalyse und Psychotherapie und alles. Heute ist
er 22 Jahre alt und hat die Berufsschule fertig gemacht, aber
ganz gesund, glauben wir, wird er kaum mehr sein.
Ein anderes Kind ist mit 6 Jahren durch eine Granate, die in
den Hof vor seinem Haus gefallen ist, erblindet, weil die Splitter
seine Augen verbrannt haben. Er kam mit seiner Mutter, der Vater
war noch im Krieg, und noch mit zwei älteren Geschwistern,
um zu fragen, ob wir das Kind - noch total blind - aufnehmen
können, in Zagreb in die Blindenschule. Die Mutter sprach
mit mir in unserer großen Eintrittshalle in unserem Heim
und fing an zu weinen. Der Kleine war vielleicht zwei, drei
Meter entfernt von uns, aber er hat gespürt, dass seine
Mutter weint, und auf einmal kommt er zu uns und sagt: "Warum
weinst Du schon wieder, wir haben doch gesagt, wir werden nicht
mehr weinen. Du weißt, wir müssen auch unser Opfer
auf den Altar für die Freiheit des Landes geben."
Ein sechsjähriges Kind hat diese großen Opfer des
Krieges ganz anders aufgenommen und ertragen, heute ist er auch
schon 16 Jahre alt, in der Blindenschule, sehr intelligent.
Ich bin sicher, dass er sehr viel besser sein schweres Leiden
als Opfer des Krieges weitertragen wird.
Ich möchte mit diesen zwei Beispielen sagen, was ein Mensch
ist und wie ein Mensch die riesig schweren Folgen des Krieges
Jahrzehnte noch in seinem Leben tragen wird. Wir wünschen
uns wirklich ein richtiger, starker, guter und gerechter Sozialstaat
zu werden. Noch sind wir in einem Transitionsmoment, es ist
nicht leicht, wir haben ein schlechtes Leben, aber wir haben
eine helle Sicht vor unseren Augen, dass wir genauso wie ihr
im Westen leben werden. Was wir 50 Jahre in einem ganz anderem
Regime gelebt haben, geht nicht so einfach, mit einem Besen
wegzukehren. Jetzt sind wir in einem neuen Zustand. Mit den
Menschen muss man wahnsinnig viel Zeit haben zu kommunizieren,
dass wir zu diesen Begriffen kommen und verstehen, was eigentlich
überhaupt ein sozialer Staat bedeuten soll, welche Traditionen
wir noch mitmachen müssen, dass wir dazu kommen. Es geht
nicht von heute auf morgen. Demokratie muss man lernen, die
fällt nicht vom Himmel herunter. So richtig auf einem Tisch,
alle Nationen, alle Religionen, alle Menschen, wo jeder anders
denkt, zu sitzen und ein Resümee gemeinsam machen, ist
nicht einfach.
Ninz: Danke! Das ist tatsächlich eine spannende
Frage, wie lange es dauert, bis sich diese Bilder verändern.
Wir werden aber auch neue Allianzen brauchen, um zu diesem Sozialstaat
kommen zu können, wie immer Gerechtigkeit definiert sein
mag. Das ist meine nächste Frage an das Publikum: Wer sind
die Verbündeten? Wer sind die Menschen, die uns auf diesen
Weg bringen könnten, zu dem gerechten Sozialstaat? Gibt
es die? Stephan Schulmeister, einer der Proponenten des Sozialstaats-Volksbegehrens,
hat kürzlich in einer Diskussion gesagt: Gerade im
Sozialen zieht sich das System Politik zurück und schwächt
sich damit, und es kommen viele Einzelinteressen zum Vorschein'.
Es wäre also die Frage, wo setzen Sie die Hoffnung, wer
sollen die Leute, die Bewegungen sein, die zu diesem Sozialstaat
führen?
Horx: Wir müssen auch ein paar unangenehme Wahrheiten
vor Augen führen, die damit zusammenhängen, dass man
den Sozialstaat, so wie wir ihn konstruiert haben, verlieren
wird, wenn man radikal neu denkt. Da kommen wir mit diesen alten
Kategorien, die in Ihrer Vorrede ein bisschen durchschienen,
nicht weiter. Es geht um zwei große Justierungen. Der
Sozialstaat wurde als Antwort auf den Zusammenbruch der zivilen
Gesellschaft im Nationalsozialismus gegründet. Der wiederum
basierte auf einer gespaltenen Klassengesellschaft. Man hat
in Europa zu Recht gesagt - das steht in den Grundgesetzen all
unserer Länder drinnen -, dass alles getan werden muss,
um diese scharfen Brüche innerhalb der Gesellschaft, die
die zivile Gesellschaft gefährden, zu beseitigen. Das war
nach dem Krieg eine richtige Antwort. Am Höhepunkt des
Industrialismus waren 56% aller Erwerbstätigen in Deutschland
in den 70er Jahren Arbeiter mit langfristigen Arbeitsverträgen.
Das hat aber gleichzeitig dazu geführt, dass wir eine eindeutige
Überdominanz des Staates gehabt haben, der als Versorgungsinstanz
dem Einzelnen gegenübergetreten ist und ihm dabei, ohne
dass wir es recht gemerkt haben, ein Stück seiner Eigenverantwortung
abgekauft hat. Dieses Resultat können Sie aus vielen empirischen
Forschungen sehen. In dem Moment, in dem Sie in eine individuellere,
in eine freiere, offenere Gesellschaft kommen, können sich
diese aber nicht mehr so einfach halten. Das Verhältnis
zwischen Staat, dem Einzelnen und der Gesellschaft und der Ökonomie
muss neu justiert werden. Als Liberaler bin ich dafür,
dass der Staat einen klugen und durchdachten Rückzug vornimmt.
Dieser Rückzug muss nicht heißen, dass er seine Verantwortung
aufgibt, aber er muss in der Lage sein, auch anderen gesellschaftlichen
Kräften Zugriff auf die soziale Frage zu ermöglichen
und diese auch zu fördern. Das ist in aller erster Linie
die Wirtschaft, die Ökonomie, die über ungeheuer viel
Macht und ungeheure Ressourcen verfügt, die auch in ganz
zentralen Fragen - denken wir nur an die Fragen Familie, Arbeitszeitverkürzung,
also an das, was die Menschen auch in ihrem Alltag als Knappheit
berührt, nämlich den Mangel an Zeit gegenüber
Kindern. Da hat die Wirtschaft eine ganz wesentliche Aufgabe.
Stichwort: Bürgergesellschaft. Hier komischerweise eher
von den Konservativen gepachtet. Hier wird ja immer was gepachtet
von ganz andern Leuten, das ist das Komische, und das führt
dann zu Haider. Für mich sind Phänomene wie Haider
auch darauf zurückzuführen, dass wir einen Mangel
an nach vorne gerichteter Sozialstaatsdiskussionen haben, deshalb
können die rechten Populisten immer diese Mängel ausgleichen
und damit auftreten. Diese Neujustierung tut auch weh. Wir brauchen
also eine andere, aktive Bürgergesellschaft, siehe Amerika.
Die Amerikaner gelten ja immer als unsozial, aber ein durchschnittlicher
amerikanischer Haushalt spendet 14mal soviel Geld für soziale
Zwecke im Jahr wie die Österreicher oder die Deutschen.
Sie sind auch im Zeitbudget mindestens fünfmal soviel engagiert,
das heißt, das, was hier der Staat übernimmt durch
höhere Steuern, ist in einer Gesellschaft, in der z.B.
niedrigere Steuersätze gelten auch eine Aufgabe mehr der
Gesellschaft.
Diese Justierung, auf der würde ich in Zukunft beharren.
Da können wir auch auf Modelle, die es früher gab,
im Rahmen der katholischen Kirche, der Caritas zurückgreifen.
Das Interessante an solchen Modellen ist, dass es bürgerschaftliches
Engagement erfordert, da wird der Sozialstaat ja nicht professionalisiert,
sondern er wird auch mit Bürgerarbeit gemeinsam betrieben.
Das zweite ist, dass wir in einer globalen, einer offenen Gesellschaft,
Immigrationsströme haben werden. Eine gerechte Gesellschaft
im 21. Jahrhundert ist daher eine ungleichere Gesellschaft,
weil nämlich arme Menschen aus allen Teilen dieser Welt
zu uns kommen werden. Dieses Paradoxon hat meiner Meinung nach
in der Diskussion noch niemand verstanden, dass Sie unter Umständen
eine gerechtere Gesellschaft erzeugen, wenn Sie für eine
größere Anzahl von Menschen Minimalgarantien garantieren,
als wenn Sie ein sehr weit ausgedehntes Versorgungsnetz erzeugen,
indem auch die Leute, die es gar nicht brauchen etwas umverteilt
bekommen, und zwar nicht nur geldliche Umverteilung, sondern
auch andere knappe Ressourcen, wie Bildung, Eigenkompetenz,
die Möglichkeit zu kommunizieren, verteilen, mit anderen
Worten: Wir müssen ein proaktives Sozialsystem entwickeln,
dass die Leute herausfordert. Da gibt es viele Beispiele auf
diesem Planeten, dass man sie nicht nur mit Versorgungszahlungen
abschiebt, sondern sagt, hier geben wir Euch Möglichkeiten,
dass Ihr Euch bewegen könnt, dass Ihr Euch verändern
könnt, dass Ihr Jobs findet, dass Ihr Jobs kreiert. Das
ist ein anderer Typus von Gesellschaft und ein anderer Typus
von Sozialstaat als wir ihn in Österreich oder Deutschland
haben.
Ninz: Wenn ich polemisch sein will, dann fällt
mir mal das Kindergeld ein, das auch an alle verteilt wird,
auch an die, die es nicht unbedingt brauchen, aber das ist eine
kleine Polemik. Ja, sind da eigentlich alle einverstanden mit
dieser These? Ja, bitte!
Publikum:
Christine von Kohl: Die gesamte Entwicklung geht in
Richtung Anonymisierung und Kollektivierung der Menschen in
der Gesellschaft. Vom wirtschaftlichen Denken her sind wir sozusagen
- vereinfacht - Aktionäre', die im positiven Sinne
zur Wirtschaft beitragen, im negativen Sinne aber betroffen
sind, wenn diese Wirtschaft nicht funktioniert. Da ist ein tiefer
Wurm in unserem demokratischen System heute. Es ist ein entscheidender
Entschluss, dass eine Gesellschaft ihre Entscheidungsträger
dazu bringt, zu erkennen, dass der einzige Weg, der irgendwann
ein gemeinsames Verständnis für einen gemeinsamen
nützlichen Fortschritt bringen kann, die Bildung ist. In
dem Augenblick, wo wir daran nicht mehr interessiert sind, einer
größtmöglichen Anzahl der Gesellschaft ein größtmögliches
Maß an Bildung beizubringen, machen wir diese Bürger
von vornherein unfähig zu urteilen, unfähig zu wählen,
unfähig eine Position zu haben. Das muss das oberste Ziel
in allen unseren Gesellschaften sein, wenn wir einen Fortschritt
haben wollen; wie wenig wir das verstehen, zeigt mir unter anderem
unser Verhalten gegenüber den sogenannten Entwicklungsländern.
Hans Zeger: Ich hätte gerne eine klare Antwort
vom gesamten Podium, wem man etwas wegnimmt, um es jenen, die
nichts haben, zu geben, wenn nicht Geld, dann zumindest Bildung.
Ich bin Unternehmer und wir müssen uns im Klaren sein,
dass die Wirtschaft, eine Gesellschaft, eine Ökonomie Zyklen
unterworfen ist. Wir haben auch Zeiten, die statisch sind, die
stagnierend sind, die sogar schrumpfend sein können, und
auch in diesen Zeiten müssen wir uns Gedanken machen, wie
wir sozusagen proaktives Management finanzieren, und da müssen
wir umverteilen.
Volker Kier: Ich glaube, man muss die Grundfrage in
den Raum stellen, können wir uns Sozialsysteme leisten,
die ausschließlich an der Arbeitswelt festmachen? Wenn
ich soziale Bedürftigkeiten moralisiere, sie in Bittstellertum
verwandle, sie mit Untertänigkeitsverhalten kopple, nämlich
das Hingeben von Geld, dann habe ich das System, das wir haben,
dann hab ich eine undurchlässige Schicht von Sozialbürokraten,
die darauf achten, dass sie das Umverteilungsmonopol behalten
und hab natürlich niemanden, der sich interessiert, in
Bildung zu investieren, denn das ist ein Umverteilungsmonopol,
das emanzipiert. Wir haben ein System, das darauf achtet, dass
die Mittel des Staates so eingesetzt werden, dass die Menschen
sich nicht emanzipieren können. Wir Liberale haben eine
rechtsansprüchliche Grundsicherung als Gegenmodell zum
Almosen-Empfangen entwickelt. Die jetzige Bundesregierung tut
allerdings keineswegs das, was eine Partei versprochen hat,
nämlich sich dem kleinen Mann', der kleinen
Frau' zuzuwenden, sondern sie sanieren mit Erhöhungen die
Budgets.
Ötsch: Eine spannende Zukunftsfrage ist auch, wie
können wir heute Menschenrechte für die Zukunft begründen?
Wir brauchen jetzt in dieser globalen Situation eine Vision
von globalen Menschenrechten. Für mich ist der Nationalismus
oder diese Art von Demagogie à la Haider oder auch diese
westliche Demagogie der Versuch, das Konzept des globalen Bewusstseins
aufzugeben. Die Träger einer neuen sozialen Bewegung brauchen
eine Institution, brauchen operative Regeln, z.B. demokratische
Diskurse. Über gesetzliche Abläufe muss man sich Zeit
lassen. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich eine globale Diskussion
formuliert, die dann auch Träger und Institutionen findet,
die ich jetzt im Augenblick nur keimhaft sehe.
Horx: Wir müssen anfangen zu fragen, welche unserer
Sozialsysteme helfen den Menschen wirklich in den veränderten
Situationen einer Wissensgesellschaft? Wir sehen die Menschen
so statisch in ihren Rollenssystemen befangen, dass wir keine
dynamischen Sozialsysteme entwickeln und die sind meiner Meinung
nach in Zukunft nur durch solche Konstruktionen möglich.
Man könnte sie Public Private Partnerships' nennen,
wie wir das eher aus der Wirtschaft kennen, wo man sagt, das
Bildungssystem ist nicht nur Aufgabe des Staates, es ist auch
Aufgabe der Gesellschaft, darüber zu diskutieren, zu verbessern,
auch mit zeitlicher Investition zu verbessern. Stichwort Eltern-Engagement:
Es ist mühsam für die Eltern, aber auch Aufgabe der
Wirtschaft, in dieses System hinein zu investieren, nicht nur
über den Umweg der Steuern. Beispiele für solche neuen
Formen von Public Private Partnership' gibt es in Europa
in den verschiedensten Konfigurationen, da müssen wir gar
nicht nach Amerika gehen. Wir müssen diese Umbauten in
einem kreativen, konstruktiven, dialogischen Prozess von uns
aus vornehmen. Sonst wird in der Tat der Rechtspopulismus in
Europa triumphieren, was er im Moment über weite Strecken
schon tut. Sonst sind nämlich Verteilungskämpfe unvermeidlich
und die Gesellschaft wird ungleicher sein. Das ist der schwierige
Prozess, den die Grünen heute in Deutschland oder auch
die Sozialdemokraten machen. Wenn wir Menschenrechtsgarantien
machen wollen, dann brauchen wir eine Weltpolizei, wir können
das nur militärisch absichern. Das ist ein Affront für
unser pazifistisch gewendetes Bewusstsein.
Aber es gibt positive Entwicklungen, wenn Sie sich die Entwicklung
der Kriege am Balkan anschauen. Nach blutigen Erfahrungen, nach
vielen tausend Toten, haben wir ein bisschen anders reagiert
im letzten Konflikt in Mazedonien - auch das gehört zu
diesen schmerzhaften Prozessen des Abschieds von unserem Nachkriegs-Frieden
und der ist eben auch ein sozialer Nachkriegsfrieden über
weite Strecken gewesen.
Busek: Nachdem was Jelena Brasja erzählt hat, was
ja gar nicht weit weg von diesem Ort stattgefunden hat und streckenweise
noch stattfindet, sind manche Diskussionen, die wir uns über
die österreichische Gesellschaft leisten, sekundär
oder tertiär. Was wir uns an Diskussionen über Sozialpolitik
leisten, ist angesichts der Schwierigkeiten, die es in der Nachbarschaft
gibt, die Zustände der Krankenhäuser, die Geringfügigkeit
der Pensionen, von sozialer Absicherung keine Rede, die Frage
der Migration, die Tatsache, dass bei uns beschlossen wird,
es kann jemand nur Mitglied der EU werden, wenn er 80% des österreichischen
Lohndurchschnitts hat, einfach unerträglich. Ob wir hier
nicht in einem hohen Ausmaß selbstgerecht sind? Vielleicht
ist das eine sonntägliche Nachdenkhilfe.
Ninz: Ein schöneres Schlusswort könnte ich
eigentlich nicht erfinden. Natürlich sind die Dinge, über
die wir diskutiert haben, relativ, trotzdem brennen sie den
Menschen unter den Nägeln.
Brasja: Noch ein Wort. Wir brauchen kein Mitleid, und
zwar von niemandem. Wir wünschen uns nur, dass man Europa
als großes Mosaik sieht und dass wir auch einige der Steine
von diesem Mosaik, das eine globale Welt darstellt, sind. Unsere
kleinen Mosaiksteine sind vielleicht noch Rohbau und wir brauchen
noch einige Zeit. Aber wir wünschen uns, dass man heute
schon sieht, wie schön diese Steine sind von diesem Mosaik,
das Europa heißt.
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